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Meinem Hund stehen die Haare zu Berge!

(1×1 der Körpersprache)

Es hat bestimmt schon jeder einmal an seinem oder einem anderen Hund gesehen: Das Fell im Nackenbereich, entlang des Rückens und/oder am Rutenansatz ist aufgestellt. Das Fell steht im wahrsten Sinne des Wortes zu Berge. Es ist die sogenannte Piloerektion („Aufstellen der Haare“) ähnlich der Gänsehaut beim Menschen.
Oft hört man Hundehalter fragen, ob der Hund die Haare bewusst aufstellt um Größer zu wirken oder ob das Aufstellen der Haare ein klares Zeichen für Aggression ist.

Die Piloerektion, also das Aufstellen der Haare/des Fells, ist eine nicht willentlich steuerbare Reaktion des Körpers!

Was heißt aber nun „nicht willentlich steuerbar“?

Ein Teil des Nervensystems des Hundes besteht aus dem Vegetativen Nervensystems, welches unterteilt ist in den Sympathikus und den Parasympathikus. Das vegetative Nervensystem unterliegt nicht der bewussten Steuerung des Organismus.
„Der Sympathikus steuert die Mobilisierung von Energie und die Aktivierung der Körperfunktionen, die in Notsituationen zum Tragen kommen.“²
Durch die Aktivierung des Sympathikus in Stresssituationen wird die Herzfrequenz sowie der Blutdruck erhöht, gleichzeitig wird die Verdauungstätigkeit sowie die Speichelproduktion herabgesetzt. Ebenfalls wird Adrenalin aus dem Nebennierenmark ins Blut ausgeschüttet.
Es sind automatisch ablaufende Körperreaktionen auf die der Organismus keinen bewussten Einfluss hat. Die Aktivierung des Sympathikus löst Flucht- bzw. Abwehrreaktionen in Stresssituationen aus, d.h. es macht den Körper bereit zu handeln.

Warum kommt es denn nun zur Piloerektion?

haare stehenDie Haarfollikel sind verbunden mit den Haarbalkmuskel (dem sogenannten „Musculus arrector pili) entlang der Haut. Diese Muskeln werden angeregt durch den Sympathikus und werden somit nicht bewusst gesteuert. Durch die Ausschüttung des Adrenalins in Stresssituationen (s. letzten Absatz) ziehen sich diese Muskeln zusammen. Durch das Zusammenziehen der Haarbalkmuskeln werden die damit verbundenen Haarfollikeln und entsprechend das Haar aufgestellt: Es kommt zur Piloerektion.¹
Spätestens jetzt wird denke ich klar, dass der Hund das Aufstellen der Haare nicht bewusst steuern kann, da es durch einen Bereich des Nervensystems (dem Vegetativen Nervensystem) gesteuert wird, welches für die Steuerung von unwillkürlichen Prozessen zuständig ist. Mit der Gänsehaut des Menschen verhält es sich ähnlich. Das Auftreten einer Gänsehaut wird auch beim Menschen durch den Sympathikus des Vegetativen Nervensystems gesteuert und kann somit nicht vom Menschen willentlich hervorgerufen werden. Schon einmal versucht? ?

In welchen Situationen kommt es zur Piloerektion beim Hund?

Entgegen der weitläufigen Meinung ist die Piloerektion kein eindeutiges Anzeichen für Aggression. Der Piloerektion können verschiedene Stimmungen zugrunde liegen, welche den Hund in Stress versetzen, z.B.¹

  • Furcht
  • Erregung
  • Überraschung
  • Unsicherheit
  • Aufregung/Spannung
  • Nervosität

Es wurden noch nicht viele Daten zur Piloerektion des Hundes gesammelt, Ethologin Dr. Karen B. London hat aber aus ihrer jahrelangen Erfahrung mit vielen, verschiedenen Hunden beobachtet, dass es hauptsächlich drei verschiedene Muster der Piloerektion gibt, welche jeweils mit einem anderen Verhalten in Verbindung stehen, wahrscheinlich basierend auf dem jeweils unterschiedlichen, zugrundeliegenden Gefühlszustand des Hundes:³
Muster 1: Dünne Linie von aufgestelltem Haar entlang des Rückens bis zum Rutenansatz; Dr. London assoziiert damit ein hohes Level an Selbstbewusstsein und aus ihrer Erfahrung heraus, wird der Hund eher in die Offensive gehen und aggressives Verhalten zeigen.
Muster 2: Breite Stellen (bis zu 20 cm breit) von aufgestelltem Fell entlang der Schultern, welches maximal ca. 10 cm entlang des Rückens verläuft. Dr. London assoziiert dieses Muster mit Hunden, die wenig selbstbewusst sind und oft etwas ängstlich sein können.
Muster 3: Piloerektion entlang der Schultern und im Bereich des Rutenansatzes, jedoch nicht entlang des Rückens. Dieses Muster tritt häufig bei Hunden auf, die sich in einem ambivalenten Gefühlszustand befinden und in einem Konflikt stehen. (Ambivalent = Widersprüchlich). Diese Hunde sind häufig unkalkulierbar in ihrem Verhalten.

Fazit:
Durch die aufgestellten Haare wirkt ein Hund zwar größer und kann entsprechend bedrohlicher auf andere wirken, dies ist aber nicht bewusst durch den Hund steuerbar.

Das Aufstellen der Haare (Piloerektion) wird durch den Teil des Nervensystems gesteuert, welches für unwillkürliche Prozesse im Körper zuständig ist. Verschiedene Gemütszustände des Hundes können die Piloerektion auslösen.

Die Art der Piloerektion hängt aber nicht nur von der zugrundeliegenden Emotion ab, sondern auch von der Rasse und entsprechend Beschaffenheit des Fells. Des Weiteren ist eine Piloerektion kein eindeutiges Zeichen von Aggression, sondern wird auch ausgelöst bei Hunden, die nervös, unsicher oder sehr erregt sind.

¹Faricelli (2016) The function of a dog’s hackles, https://pethelpful.com/dogs/The-Function-of-a-Dogs-Hackles
²O’Heare (2014) Die Neurophsyiologie des Hundes; Animal Learn Verlag, Bernau
³London (2012) Piloerection; The Bark http://thebark.com/content/piloerection


 

Sarah Tappe

 

Sarah Tappe

mobile Hundetrainerin
Diploma of Canine Behavior Science and Technology (CASI von James O’Heare)
derzeit weitere Ausbildung zurVerhaltensberaterin
(Advanced Diploma of Canine Behavior Management am international anerkannten Compass Education Institut)

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