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Öffentliche Verkehrsmittel mit einem reaktiven Hund

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Einen reaktiven Hund zu haben ist so schon eine Herausforderung, oft schränkt das Verhalten des Hundes unser Sozialleben stark ein. Ich habe eine reaktive Hündin und weder Auto noch Führerschein, wie komme ich also von A nach B mit ihr? Verkehrsmittel einfach zu meiden ist keine Option, schließlich wird der Moment kommen, wo wir zum Tierarzt müssen, meine Eltern besuchen oder aus sonst einem Grund mobil sein müssen. Wir nutzen fast ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn und im Laufe der Jahre haben wir das richtig gut in den Griff bekommen. So gut, dass ich das gerne Teilen möchte, da ich sicher nicht die Einzige bin, die eher begrenzt mobil ist und einen reaktiven Hund hat.

 Zunächst verstehe ich unter reaktiv, dass der Hund für Distanzvergrößerung verbellt oder sogar schnappt. Beides Verhaltensweisen, die in der Öffentlichkeit kaum auf Verständnis stoßen und mit unter dazu führen, dass Hundebesitzer mit einem solchen Hund nur im allernötigsten Fall unterwegs sind. Das ist allerdings sehr schade und außerdem kontraproduktiv, da wir im Notfall so stressfrei wie möglich von A nach B kommen müssen.

Was gilt es zu beachten? Ich habe für uns einige Regeln aufgestellt, die in öffentlichen Verkehrsmittel unabdingbar gelten:

  1. Es ist meine Aufgabe, den Hund unter Kontrolle zu haben, nicht die der anderen, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Insbesondere wenn der Zug oder der Bus sehr voll sind, kann ich nicht von anderen erwarten, dass sie auf meinen Hund achten. Deswegen habe ich mir angewöhnt, mich mit meiner Hündin immer so hinzusetzen oder hinzustellen, dass niemand an meine Hündin und auch meine Hündin an niemanden herankommt. Ich mag Zweiersitzplätze (es kommt dabei sehr stark auf die Größe des Hundes an, meine mittelgroße Hündin ist dafür perfekt, hat man einen größeren Hund, sind die Möglichkeiten gleich wieder stark eingeschränkt). Ich lege dabei meine Hündin immer an der Wand ab und setze mich so hin, dass ich am Gang sitze. So kann ich garantieren, dass meine Hündin immer genügend Platz hat und ich als Puffer zwischen Fremden und meiner Hündin fungieren. Muss ich ein Ticket lösen, führe ich meine Hündin mit einem Handtarget schräg vor mich, so dass sie zwischen mir und Automaten sitzt. So kann ich gewährleisten, dass in diesem Unkonzentrierten Moment, kein Wartender versehentlich zu Nahe kommt.
  2. Niemand darf meine Hündin anfassen und meine Hündin darf auch niemanden beschnuppern. Zugegeben, das ist manchmal echt schwer zu gewährleisten, zumal manche Menschen einfach keine gute Kinderstube genossen haben und einfach mal ungefragt den Hund anfassen. Aber auch da hat es sich bewährt, dass ich als Puffer zwischen meiner Hündin und anderen Menschen stehe oder sitze.
  3. Ich habe immer Belohnungsmaterial dabei. Bei uns sind das Kekse, je nach Hund kann das aber auch ein Kaustrick, ein Schleckerchen oder was dem Hund halt sonst besonders gut gefällt und als Belohnung in diesem Kontext taugen kann. Es muss etwas sein, was der Hund mag und was ihm hilft. Im Optimalfall ist es etwas, das auch als Verstärker fungieren kann (Verstärker sind Dinge, die in dem Moment der Belohnung das Bedürfnis des Hundes erfüllen). In öffentlichen Verkehrsmitteln ist das allerdings bei reaktiven Hunden meistens eine Distanzvergrößerung und die ist nicht immer zu gewährleisten.

Nachdem nun die Grundpfeiler für ein Training gelegt sind, stellt sich die Frage, wie wir denn das Training erfolgreich aufbauen. Zunächst gilt, wenn wir einen reaktiven Hund haben, dann muss dieser angemessen gesichert sein. Manche öffentlichen Verkehrsmittel schreiben bei Hunden ab einer bestimmten Größe sowieso einen Maulkorb vor.

Maulkorb

Samaria2Ein Maulkorb ist grundsätzlich nichts schlechtes. Haben wir einen reaktiven Hund, gehört der Maulkorb eigentlich zur Standardausrüstung und sollte auch unbedingt sorgfältig auftrainiert werden. Ist er das nicht und der Hund findet den Maulkorb doof, kann das unser Training mit ihm massiv beeinträchtigen.
https://www.hey-fiffi.com/podcast/christine-kompatscher-podcast/maulkorb/
https://www.hey-fiffi.com/blog/maulkorb-welcher-passt-zu-deinem-hund/
https://www.hey-fiffi.com/basistraining-hunde/maulkorbtraining/
https://www.youtube.com/watch?v=hnc0pBk0cZ8

Geschirr und Leine

In öffentlichen Verkehrsmittel ist die Leine immer Pflicht. Meiner Meinung nach gehört die Leine gerade bei reaktiven Hunden immer an ein gut sitzendes Geschirr. Die Verletzungsgefahr im Halsbereich, falls der Hund doch einmal in die Leine springt, ist einfach zu groß, wenn der Hund am Halsband geführt wird. Ich habe meiner Hündin zudem den Geschirrgriff als Abbruchsignal beigebracht. Auch führe ich sie an sehr engen und dicht bevölkerten Stellen in dem ich sie am Geschirr halte. Das habe ich mit ihr geübt, damit es für sie nicht unangenehm ist. Wenn wir z.B. eine Treppe runtergehen, wo gerade alle Passagiere runter wollen, dann führe ich sie, in dem ich sie am Geschirr halte, dicht hinter mir die Treppe herunter. Sie weiß, dass sie dadurch sicher ist und ich darauf achte, dass keiner ihr zu Nahe kommt. Habe ich einen Hund, dem die Menschenmassen grundsätzlich zu schwierig sind, dann kann ich auch warten, bis die meisten Menschen die Treppe passiert haben.
https://www.hey-fiffi.com/basistraining-hunde/der-geschirrgriff/

Was bringt meinen Hund auf die Palme?

Will ich mit meinem reaktiven Hund in den öffentlichen Verkehrsmittel reisen, muss ich ihn gut kennen. Ich muss wissen, was ihn auf die Palme bringt, bzw. was sein reaktives Verhalten triggert. Nur dann kann ich frühzeitig agieren und verhindern, dass mein Hund reagiert. Verhindern bedeutet, dass ich solche Situationen so manage, dass sie nicht eintreten. Wenn ich also weiß, dass mein Hund es nicht geil findet, dass ihn jemand anstarrt, dann ist es meine Aufgabe zu verhindern, dass ihn jemand anstarrt. Entweder in dem ich die Menschen darauf aufmerksam mache, dass das meinen Hund stört oder, was ich die angenehmere Variante finde, in dem ich meinen Hund so platziere, dass ihn keiner direkt anstarren kann. Deswegen habe ich meiner Hündin beigebracht, dass sie sich sehr genau da hinsetzt oder hinlegt, wo ich sie hinführe. Für uns hat es sich sehr bewährt, dass sie unter meinen Beinen liegt. Wird sie trotzdem von jemandem sehr intensiv angeguckt, dann belohne ich meine Hündin permanent fürs ruhig sein und bleiben. Die richtige Belohnungsfrequenz muss man etwas ertastet, je nach Hund brauche ich eine höhere oder niedrigere Frequenz. Grundsätzlich gilt, lieber zu viel als zu wenig Belohnung.
https://www.hey-fiffi.com/leinenaggression-beim-hund/click-for-blick-1/

Lenken des Hundes

In öffentlichen Verkehrsmitteln ist es super wichtig, dass ich meine Hund schnell und unkompliziert steuern kann, ohne dass ich ihn durch die Gegend zerren muss. Hierfür ist es hilfreich, wenn ich dem Hund beibringe, dass er meiner Hand folgen soll. Ich kann im Zug auch mit Keksen locken, das stellt mich aber vor Probleme, sobald ich keine Kekse dabei habe. Deswegen ist ein sauber aufgebauter Handtouch wirklich sehr hilfreich.
https://www.hey-fiffi.com/clickertraining-hunde/handsignal/
https://www.hey-fiffi.com/basistraining-hunde/klebehand/
https://www.youtube.com/watch?v=pztdXk2HyG8

Grundgehorsam

Grundgehorsam ist etwas, was ich nicht soooo gerne mache. In öffentlichen Verkehrsmittel ist die Grundgehorsam aber etwas sehr wichtiges. Zunächst zeigt es anderen Fahrgästen, dass ich meinen Hund unter Kontrolle habe. Ganz unabhängig davon, ob man das jetzt gut findet oder nicht, besteht in der Öffentlichkeit nach wie vor das Bild vom kasernengehorsamen Hund und wenn mein Hund nicht diesem Ideal entspricht, habe ich das Problem, dass manche Menschen denken, sie müssten jetzt ungefragt Erziehungstipps geben. Das ist natürlich gerade für reaktive Hunde suboptimal. Meine Hündin zum Beispiel findet es eher ungeil, wenn wir von fremden Menschen angesprochen werden. Deswegen versuche ich auch so wenig Angriffsfläche wie möglich zu geben. Grundgehorsam hilft da sehr, auch weil ich mich dadurch besser fühle, da mein Hund ja sonst schon durch sein Verhalten aus der Reihe tanzt. Und bei reaktiven Hunden ist alles, was uns Sicherheit gibt, hilfreich und sinnvoll. Grundgehorsam bedeutet bei uns aber nicht, dass ich sie ständig mit Signalen gängele. Es ist eher so, dass wir uns aus kleineren Grundgehorsamkeitsübungen am Bahnsteig unseren Spaß machen und ich dadurch auch ihre Aufmerksamkeit bei mir behalte. Ich achte dabei darauf, dass ich von ihr Dinge erwarte, die sie nicht frustrieren oder die zu viel Impulskontrolle abverlangen würden. Die Impulskontrolle braucht sie vor allem im Bezug auf fremde Menschen. Aber durch kleinere Übungen lernt sie, dass es im Kontext Bahnhof durchaus spaßig vor sich geht.
https://www.hey-fiffi.com/basistraining-hunde/aufbau-signal-sitz/
https://www.hey-fiffi.com/basistraining-hunde/aufbau-signal-platz/

Freiwillige Umorientierung

Das ist etwas, was man Grundsätzlich immer bei jedem Hund einfangen und belohnen kann. Freiwillige Umorientierung ist immer sinnvoll, guckt mich der Hund von sich aus an, habe ich seine Aufmerksamkeit. Gerade im Bezug auf reaktives Verhalten ist es sinnvoll, die Aufmerksamkeit seines Hundes im Blick zu haben. Starrt er gerade jemanden an? Dann ist es für mich höchste Zeit, Distanz aufzubauen und den Standort zu wechseln. Für mich ist die freiwillige Umorientierung immer ein Zeichen dafür, wie ansprechbar meine Hündin noch ist. Bei der Belohnung dieses Verhaltens muss ich aber darauf achten, dass ich nicht belohne, dass mich der Hund durchgehend anstarrt, sondern dass er anderen Passagiers anguckt und dann wieder mich anguckt. Sie soll sich mit ihrer Umgebung auseinandersetzen, dabei aber immer wieder zu mir Kontakt aufnehmen. So lernt sie, dass es Spaß macht, sich im Kontext öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen und bei mir eine Rückmeldung im Bezug auf ihre Umgebung zu erfragen.
https://www.hey-fiffi.com/rueckruftraining-hunde/umorientierung/gratisverknuepfungen/ 
https://www.hey-fiffi.com/rueckruftraining-hunde/umorientierung/aufbau/
https://www.hundeservice-nuernberg.de/sannys-podcast-folge-23-moeglichkeiten-zumverhaltensaufbau/

Das Ruhetarget

Ich arbeite zwar nicht damit, aber vielen Hunden hilft es, wenn man mit ihnen eine Ruhedecke trainiert. Diese Decke funktioniert als Signal, dass der Hund darauf entspannen soll und kann. Sie wird zu Hause aufgebaut und der Hund lernt selbstständig, dass dieses Target eine bestimmte Bedeutung hat. Als handliche Decke, kann dieses Target einfach mitgenommen und bei Bedarf dem Hund zur Verfügung gestellt werden.
http://chakanyuka.de/die-entspannungsdecke/

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Aufbau des Trainings

Grundsätzlich werden alle Traingsteile zuerst zu Hause und dann unter zunehmender Ablenkung sorgfältig aufgebaut. Wenn wir mit einem reaktiven Hund trainieren, müssen wir immer seine Impulskontrolle im Blick haben. Fangen wir mit einem solchen Hund an zu trainieren, ist jede Einheit erst einmal schwierig und der Hund braucht Zeit, seine Impulskontrolle wieder aufzuladen.

Deswegen empfiehlt es sich, nach einem Trainingstag immer einen Ruhetag einzubauen. Also einen Tag, an dem Nichts gemacht wird, außer kurze Pipirunden. Ich achte bei meiner Hündin penibel auf ihre Impulskontrolle, weil es wichtig ist, dass sie in den öffentlichen Verkehrsmitteln immer Impulskontrolle übrig hat. Das bedeutet aber für uns, dass wir an Tagen, an denen sie mit mir mit muss, ansonsten kein Programm haben. Grundsätzlich ist auch das Training für öffentliche Verkehrsmittel immer Kleinschrittig aufzubauen. Es gilt: Bus ist immer schwerer als Zug. Hat mein Hund schon Schwierigkeiten beim Einsteigen, dann übe ich zunächst einfach nur diesen Teil.

Hat mein Hund schon vor dem einfahrenden Zug oder Bus angst, dann übe ich zunächst, dass der Bus oder Zug etwas schönes ist. Im Bus hilft es, wenn der Hund sich hinlegt. Notfalls knie ich mich hin und halte sie, damit sie nicht zu viel herumrutscht, wenn wir kein Zweiersitzplatz finden. Bei der ersten Bus- oder Zugfahrt sollte ich mich auf eine Station beschränken. Ich wähle dabei die Fahrt so, dass diese möglichst leer ist und andere Reize möglichst reduziert sind. Kann mein Hund das meistern, kann ich die Zeitspanne ausdehnen und schließlich auch die Frequentiertheit durch andere Menschen.
https://trainieren-statt-dominieren.de/blog/allgemein/training-mit-gestressten-hunden

Wie gehe ich mit Rückschlägen um?

Grundsätzlich gilt es, alles so zu managen, dass mein Hund nicht auslösen muss. Denn jedes gezeigte Verhalten festigt sich, wenn es gezeigt wird. Ziel wäre es also, den Schwierigkeitsgrad immer so zu wählen, dass der Hund nicht auslösen muss.

Das ist aber in der Öffentlichkeit viel leichter gesagt als getan. Es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen unsere Individualdistanz bewusst oder unbewusst unterschreiten werden. Zeigt der Hund doch einmal reaktives Verhalten, dann sollte man sich dadurch auf keinen Fall entmutigen lassen. Beim Gegenüber entschuldigen, mit deinem Hund auf Distanz gehen, Krönchen richten und wenn möglich noch für 5 Minuten an eine ruhige Ecke stellen, damit das ganze Training mit einem positiven Gefühl abgeschlossen werden kann und dann für die Einheit abbrechen.

Bitte den Hund niemals schimpfen oder strafen, das wird euch im Training zurückwerfen. Sind wir gerade nicht gut auf unseren Hund zu sprechen, dann lieber kommentarlos auf Distanz gehen. Besser wäre es, so selbstreflektiert zu sein, dass wir selber merken, dass wir heute nicht gut gelaunt sind und das Training einfach sein lassen.

Wichtig ist, dass wir nicht unser Gegenüber für das Verhalten von unserem Hund verantwortlich machen. Es gibt einfach unsensible Idioten, das können wir nicht ändern. Aber wir können unser Management verbessern. Ich kann andere Menschen mittlerweile recht gut einschätzen und gehe auf merkwürdige oder betrunkene Menschen grundsätzlich auf Distanz. Jeder, der an uns vorbeiläuft wird gemarkert. Unser Training funktioniert mittlerweile so gut, dass auch Hundesitter von meiner Hündin mit ihr in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren können.

Es ist kein leichter Weg, aber er lohnt sich. Wir sind trotz fehlendem Auto sehr mobil und können auch in sehr vollen Verkehrsmitteln mitfahren. Es passiert immer wieder, dass wir darauf angesprochen werden, wie brav sie doch ist. Mittlerweile darf man das auch ohne von Madame gleich angeblufft zu werden 😁


 

Samaria Wicki
Samaria und CarlaMeine neun Jährige Hündin Carla habe ich vor vier Jahren aus dem örtlichen Tierheimübernommen. Aus dem Bedürfnis heraus, sie gut zu erziehen und ihr in allen Lebenslagen zu helfen, wurde eine Hundeschule besucht. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass diese aversiv arbeitet (Dominanz, Training über positive und negative Strafe, Halsbandzwang, Belohnung  ausschließlich über Spielzeug). Ich dachte, dass so und nur so Hundetraining funktioniert.

Nach zwei Jahren in dieser Hundeschule und der offensichtlichen Stagnation von Carlas Lernprozess, wurde das Training von mir auf positive Verstärkung umgestellt. Die Umstellung brachte diverse Herausforderungen mit sich, da sich schnell herausstellte, dass Carla im vorherigen Training nichts gelernt hatte sondern lediglich extremes Meideverhalten etabliert hatte.
So zeigte Carla auf Grund des nachlassenden Drucks zunehmend reaktives Verhalten, das soweit ging, dass eine Frage nach dem Weg mit einer massiven Reaktion von Carla quittiert wurde. Carla bekam ein gut sitzendes
Geschirr, einen Maulkorb und eine längere Leine und wir holten uns professionelle Hilfe von der TsD Trainerin Caroline Hoffmann. Nach zwei Jahren Training über positive Verstärkung haben wir die meisten unserer Baustellen gut bis sehr gut in den Griff bekommen und sind zu einem tollen Team zusammengewachsen.